Fossilfreie Chemie-, Pharma- und Kosmetikindustrie

Sehr geehrter Herr Präsident, liebe Kolleginnen und Kollegen! Heute Morgen, 7 Uhr: Ich stehe auf, wasche mein Gesicht mit Seife, putze mir die Zähne, trage Serum, Creme, Sonnenschutz auf und zum Abschluss Make-up. Ein ganz normaler Start in den Tag. In diesen alltäglichen Produkten und Routinen – wie auch in Ihren – stecken Chemikalien. Haben Sie sich schon einmal gefragt, was diese Stoffe in unseren Böden, unserem Wasser und in uns selbst hinterlassen? Es sind zum Beispiel Stoffe wie PFAS, sogenannte ewige Chemikalien. Sie zerfallen nicht. Sie reichern sich in Böden, im Wasser und im menschlichen Körper an. Und das Beunruhigende ist: Wir wissen bis heute nicht, was sie langfristig mit unseren Lebensgrundlagen machen, nur dass sie für immer bleiben. Das darf uns nicht egal sein.

Dieser alltägliche Start in den Tag zeigt: Chemie ist nicht abstrakt. Chemie ist Alltag, Gesundheit, Zukunft und Verantwortung. Und Berlin kann und muss die Chemie dieser Zukunft mitgestalten – nicht einfach nur als reiner Forschungsstandort, sondern als Ort echter industrieller Transformation. Hier entscheidet sich, ob wir neue, saubere Grundstoffe entwickeln oder weiter auf fossile Abhängigkeiten setzen. Und genau an dieser Stelle setzt unser Antrag für eine Berliner Industrialisierungsoffensive an, bei der Grundstoffindustrie, dem zentralen Fundament unserer gesamten Wirtschaft. Die Chemieindustrie steht heute an einer Wegscheide. Was wir jetzt entscheiden, prägt die nächsten Jahrzehnte. Wir wissen, wer jetzt noch in fossile Verfahren investiert, verlängert Abhängigkeiten bis 2050. Wer will das? Und vor allem: warum?

Andere Länder zeigen längst, wie es besser geht. In den USA fließen Milliarden in grüne Technologien. In Asien und Skandinavien entstehen Innovationscluster für Kreislaufchemie und biobasierte Rohstoffe. Überall dort entstehen Jobs und neue Märkte. Wir sollten jetzt nachziehen, statt zuzusehen. Sie werden es kaum glauben, aber Berlin hat alles, um mitzuhalten: kluge Köpfe, starke Forschung, engagierte Start-ups. Was es braucht, sind politische Führung und den gemeinsamen Willen, diese Transformation anzupacken. Wer glaubt, dass Nichtstun billiger ist, irrt. Denn es ist eindeutig: Unser Alltag funktioniert nicht ohne Chemie. Aber es geht eben auch mit sauberer Chemie. Medikamente, Kosmetik, Baustoffe, Batterien, Textilien – fast nichts entsteht ohne chemische Prozesse. Deutschland gehört zu den führenden Chemiestandorten Europas. Und Berlin hat das Potenzial, hier eine Vorreiterrolle zu übernehmen, wenn Politik endlich klare Signale setzt und die Gelegenheit beim Schopf packt.

Mit unserem Antrag setzen wir auf drei Hebel. Erstens: Forschung bündeln mit einem Zentrum für grüne Chemie, Pharmazie und Kosmetik als Brücke zwischen Wissenschaft und Anwendung. Zweitens: Unternehmen begleiten durch Pilotanlagen, Beratung und Wertschöpfungskettenanalysen. Drittens: Rahmenbedingungen schaffen, Wasserstoffinfrastruktur öffnen, Kreislaufwirtschaft stärken, Kooperation mit Brandenburg vertiefen. Das ist keine Symbolpolitik, sondern eine praktische Anleitung für eine zukunftsfähige Industriepolitik – eine, die Umwelt und Arbeitsplätze schützt und gleichzeitig Berlins Wirtschaftskraft stärkt.

Vielleicht fragt sich jetzt noch die eine oder der andere: Ist das nicht Konzernförderung? Nein. Es geht um Innovationen, Mittelstand, Start-ups und nachhaltige Produkte. Öffentliche Mittel sind kein Blankoscheck, sondern ein Impuls. Sie schaffen die Voraussetzungen, damit privates Kapital folgt und Wandel gelingt. Und ja, davon müssen alle Berlinerinnen und Berliner profitieren – durch gute Arbeit, saubere Produkte und regionale Wertschöpfung. Wer heute Arbeitsplätze sichern will, muss morgen auch noch die entsprechende Industrie hier haben. Das ist sozialökologische, zukunftsgewandte Industriepolitik, wie sie sein sollte.

Mit diesem Antrag bringen wir den ersten Schritt auf den Weg, Berlin vom Labor zum Leuchtturm der grünen Industrie zu machen. Ich lade Sie ein, diesen Weg im Ausschuss konstruktiv mit uns zu gehen: für ein Berlin, das Zukunft nicht nur erforscht, sondern gestaltet. Industriepolitik ist Zukunftspolitik. Vielen Dank!